Spiegelbilder
Die Abendschau berichtete bereits im Mai über das “Café und Kino am Ufer“. Im Juli konnte das Projekt mit mehreren ABM-Kräften verstärkt werden. Sascha ist einer von ihnen.Nachfolgend der Versuch eines Porträts aus zwei Perspektiven.
Direktlink zum Video der Abendschau.
Selbstporträt
„Haben Sie eine spirituelle Ader?“
Die Frage kam leicht amüsiert, aber in dennoch ernst gemeintem Ton.
Nicht groß nachdenken, einfach antworten. „Also, offiziell bin ich Agnostiker.“ Agnostiker sind diejenigen, die sich nicht festlegen wollen. Sie schließen die Existenz Gottes nicht grundsätzlich aus, aber ansonsten spielt die Frage keine weitere Rolle für sie. Es ist also die Standardausrede, wenn man alle Türen offenhalten will.
Spirituell kann schließlich vieles sein: von der Heilsarmeekapelle, über den ökumenischen Kirchentag, zu dem der Dalai Lama eingeladen ist, bis hin zu Uriella und ihren tanzenden Badewasserlöffeln, die durch gesegnetes Wasser rühren, um die Lahmen im Geiste zu erquicken, ist da eigentlich alles möglich. Was grundsätzlich eher nicht gemeint ist, sind meistens all die Sachen, die man im Religionsunterricht der Schulen so beigebracht bekommen hat. Religion ist das allgemein Übliche, das traditionelle Brauchtum, was man halt so kennt von Weihnachten, Ostern, Ramadan oder Chanukkah. Spiritualität ist eher das Feinere, manchmal das Lebendigere, manchmal aber auch das Fadenscheinigere. Vom Gospel, den „Spirituals“, den ehemaligen Gesängen der Sklaven Nordamerikas bis hin zum ominösen „Aura spüren“, Feng Shui- Beratungen oder ganz offensichtlicher Scharlatanerie, bietet sich hier ein weites Feld für Assoziationen dar.
Um zurück zur Eingangsfrage zu kommen: Diese wurde mir zuerst von Katja Niggemeier gestellt. Sie arbeitet als Projektkoordinatorin in der Quartiersarbeit für die Zukunftsbau GmbH. Einer der vielen Träger, die es mittlerweile über das gesamte Stadtgebiet verteilt gibt, der zur begleitenden Durchgangsstation für Menschen wird, denen das Arbeitsamt eine „Maßnahme“ anzubieten hat. Manche formulieren das auch als ein „Angebot, das man nicht ablehnen kann.“ Für andere ist es eine Gelegenheit, so ihre bisher ehrenamtliche Tätigkeit zumindest für einen befristeten Zeitraum finanziell abzusichern. Das Arbeitsamt heißt mittlerweile „Jobcenter“ und verteilt seit einiger Zeit an die Arbeitssuchenden (ehemals Arbeitslosen) großzügig mit dem Füllhorn Beschäftigung Maßnahmen über die ganze Stadt. Vielmehr, es finanziert diese, denn die praktische Maßnahmen - Verteilung und -Verwaltung übernehmen die jeweiligen Träger-GmbHs und -gGmbs.
Eine „Maßnahme“ ist die allgemein üblich gewordene Bezeichnung für eine zeitlich befristete Tätigkeit. Es gibt RBMs (RegionaleBeschäftigungsMaßnahmen), ABMs (ArbeitsBeschaffungsMaßnahmen) und MAEs (MehrAufwandsEntschädigungen). Wobei letztere als die sogenannten „1 € Jobs“ bezeichnet werden. Allen „Maßnahmen“ ist gemeinsam, dass man nach ihrer Beendigung keinen Anspruch auf die Zahlung von Arbeitslosengeld I haben soll. Als ABMler kommen für mich ungefähr 6 € netto pro Stunde heraus, die Miete muss ich davon natürlich selber zahlen. Das ist gar nicht schlecht, wenn man schon mal eine Weile mit ALG II klarkommen musste, aber ein Grund darüber tagelang Purzelbäume zu schlagen, ist es auch noch nicht.
Jedenfalls befinde ich mich zurzeit in eben so einer ABM und Frau Niggemeier stellte mir die Frage wohl weniger aus privatem Interesse, sondern eher um herauszufinden, ob es bei mir ein prinzipielles Interesse geben könnte, für ein Projekt zu arbeiten, wo es genau darum gehen würde. Meine spirituelle Ader.
Um ehrlich zu sein, war dieses Projekt von Anfang an das, von dem ich mir das potenziell interessanteste Jahr versprach. Nach meinen Informationen handelte es sich um ein kleines Kinoprojekt am Pankeufer, deren Betreiber es sich zum Ziel gemacht haben, regelmäßig ein Programm mit spirituellen Filme zu zeigen.
Ich bin ein großer Filmfan, wollte selbst mal vergleichende Religionswissenschaften studieren und fand es eine gute Idee, endlich auch nebenbei als Filmvorführer zu jobben, nachdem ich früher schon jahrelang Nebenjobs im Kassen- oder Thekenbereich gemacht hatte. Außerdem unterhalte ich mich gerne, auch kontrovers, über religiösen und philosophischen Klimbim, solange man mich dabei mit fundamentalistischen Grundsatzdiskussionen und Sektierertum verschont.
Ich wählte also die mir anvertraute Telefonnummer, hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter und machte danach telefonisch einen Termin mit einem anderen potenziellen Einsatzort aus. Ich halte es grundsätzlich immer für eine vernünftige Vorgehensweise, sich nicht zu schnell an einer Sache festzubeißen, bloß weil sie im ersten Moment vielleicht besonders verlockend erscheint.
Ich bin ein recht fatalistischer, also schicksalsgläubiger, Mensch. Das heißt, ich bin zwar davon überzeugt, dass wir alle die Zügel für unser Leben selbst in die Hand nehmen können, weiss aber andererseits auch, dass sich bestimmte Dinge sowieso nicht erzwingen lassen. Man wird meistens auch nicht zufriedener dabei. Verbissenheit ist Zufriedenheit diametral entgegengesetzt auf der Windrose der großen Gefühle.
Sollte es also mit dem spirituellen Kino am Ufer klappen, gut. Könnte spannend werden. Sollte es nichts werden, auch okay, dann wird es eben ein anderes Projekt werden.
Wichtig war für mich bei der Entscheidung in erster Linie, würde es eine Stelle sein, von der ich mir vorstellen kann, dass sie mir für ein ganzes Jahr Herausforderungen zu bieten hat. Also, lerne ich dort überhaupt etwas Neues? Kann ich meine schon vorhandenen Fähigkeiten und Talente einbringen, anwenden und erweitern? Wird das, was ich kann oder meine zu können, dort eigentlich gebraucht und geschätzt? Und nicht zuletzt, mit was für Leuten habe ich es denn überhaupt zu tun? Etwas zuviel auf einmal verlangt von einer ollen „Maßnahme“? Das finde ich nicht.
Ich arbeite sehr gerne, solange ich das Gefühl habe, meine Arbeit macht einen Sinn. Alles andere ist in meinen Augen ein Fluch und so unnütz wie eine alte Warze am Kinn. Kein Mensch braucht Leute, die entfremdet Dinge tun, die sie eigentlich aus tiefster Seele hassen oder völlig sinnlos finden. Die typischen Arbeiter der Industrialisierung sind inzwischen weitgehend durch Maschinen oder Roboter ersetzbar geworden und ich finde den Gedanken einer Dienstleistungsgesellschaft abscheulich, in der Menschen mit unverschämt niedrigem Einkommen anderen die Einkaufswägelchen einparken dürfen oder sogar noch deren Einkäufe in Tüten räumen und dabei überzeugend lächeln sollen. Eine Erniedrigung für diejenigen, die so etwas tun, wie für diejenigen, die solchen Firlefanz gedankenlos in Anspruch nehmen.
Ich habe also offensichtlich strenge Maßstäbe, unter welchen Bedingungen ich bereit bin, gut zu arbeiten. Ob ich mir die denn wohl leisten kann in unserer modernen globalisierten Gesellschaft? Ja. Mein Leben ist mir mittlerweile zu kostbar, um es mir noch leisten zu können, es mit nichtssagenden Banalitäten zu verplempern, die jede Maschine sowieso viel besser verrichten könnte. Im Notfall halte ich es nämlich immer noch für wesentlich sinnvoller, eine selbst produzierte Straßenzeitung persönlich zu verkaufen, als in irgendeiner Bank hinter einem Counter rumzustehen, wenn genausogut ein Computer die Arbeit übernehmen könnte.
Das heißt, es kommt für mich nicht in Frage, mich in ein irgendeines dieser mannigfaltigen sozialen Nischen- Projekte zu setzen, um dort ein Jahr lang den Sessel warmzuhalten, damit die Arbeitslosenstatistik mal dezent etwas aufgehübscht wird. Egal, wieviel Geld ich dafür bekomme oder eben nicht bekomme, wenn ich bezahlt werde, möchte ich dafür eine angemessene Gegenleistung erbringen. Ich finde es unangenehm, von irgendjemandem fürs Nichtstun alimentiert zu werden und sei es bloß vom Staat. Umgekehrt erwarte ich natürlich, für angemessene Arbeit dementsprechend bezahlt zu werden. Geld ist auch Wertschätzung, das sollte man nicht vergessen, solange wir im späten Kapitalismus leben. Von einem warmen Händedruck, Licht und Liebe alleine kann keiner leben. Gut schon gar nicht.
Wenn ich etwas bei meinen Streifzügen durch die „Maßnahmenkataloge“ des Job-Center aufgeschnappt habe, dann, das so ziemlich jede Nummer dort draußen, denn beim Amt sind wir ja alle nur noch Nümmerchen, ein Potential in sich trägt, das man oft nur endlich mal ein bisschen zu ermutigen braucht, um es zum Sprudeln zu bringen.
Da waren Leute ohne Schulabschluss in meiner Gruppe, die ein genervter Lehrer vermutlich einfach nur noch als „merkbefreit“ eingestuft hätte, aber die dem Dozenten sämtliche PC´s zum Absturz hätten bringen können, wenn sie es denn wirklich gewollt hätten. Leute, die vielleicht gar keinen anerkannten Abschluss haben, aber die sehr genau merken, wenn man versucht sie zu verarschen, indem man sie durch eine Beschäftigungsdrehtür nach der nächsten schleust. Immer noch eine weitere Runde, um sie schön auf Trab zu halten. Nicht um ihnen wirklich die viel zitierte Perspektive zu bauen, die man ihnen ständig wie die sprichwörtliche Mohrrübe dem Esel vor die Nase hält. Wenn all diese Leute eines Tages mal ihr Potential tatsächlich benutzen werden, zieht euch bloß rechtzeitig warm an, all ihr überbezahlten Korinthenkacker und Sesselfurzer dort draußen. Wenn das Spiel in die nächste Runde geht, werde ihr es nämlich mit Leuten zu tun haben, die schon von klein auf gewohnt sind, notfalls zu heucheln, zu lügen und immer nur noch das preizugeben, was das Gegenüber offensichtlich hören will. Die werden dann eure Gärten/Schulen/Krankenhäuser versorgen, eure Kinder hüten, eure Autos reparieren/waschen, euren Müll entsorgen und euch schließlich im Altersheim die Bettpfanne unterschieben. Und als wichtigste Werte im Dschungel haben sie praktisch gelernt, „der Ehrliche ist der Dumme“ bzw. „Und was springt für mich dabei raus?!“ Viel Spaß damit…
Dass solche Erwartungen nicht unbedingt vom lieben Gott oder Universum erhört werden, ist mir natürlich bekannt, für solche irdischen Angelegenheiten gibt es schließlich politische Bewegungen und Auseinandersetzungen. Aber all das ist mir wichtig, wenn es um meine kleine subjektive Beschreibung eines ABM- Einsatzortes im Wedding geht. Weil es eben nicht nur mich betrifft. 90% meiner Kollegen sind zur Zeit Menschen, die sich ebenfalls in einer „Maßnahme“ befinden. Ich habe Freunde, die gerade eine „Maßnahme“ beendet haben und jetzt einfach keine neue mehr bekommen, obwohl sie darum gebeten haben. Die schnurstracks zurück in das Loch Arbeitslosigkeit gestoßen werden, mit all seinen düsteren Momenten voller Selbstzerfleischung, Isolation und Resignation. Dieses Loch, von dessen Rand einem die ganz besonders Schlauen à la Münchhausen gerne mal zurufen, man solle sich doch einfach am eigenen Schopf selbst wieder herausziehen. Erfahrungsgemäß sind das obendrein diejenigen, die besonders gerne anderen nahelegen, den Gürtel mal etwas enger zu schnallen, während sie selber mittlerweile jede von der Stange gekaufte Hose sprengen würden.
All das geht mir durch den Kopf, während ich meine zweiwöchige Einführung bei der Zukunfstbau GmbH durchlaufe und während ich Termine mit den möglichen Einsatzorten ausmache.
Schließlich ruft mich einer der Betreiber des Kino am Ufer, Kraft Wetzel, an und spricht mir seinen gewünschten Termin auf den Anrufbeantworter. Ich bin nicht nur etwas fatalistisch veranlagt, sondern auch ziemlich neugierig, also harre ich gespannt der Dinge, die da kommen mögen. Das ganze ist hinter der kleinen Brücke am Weddinger Amtsgericht gelegen, manche würden sagen „ahhh, bei Möbel Höffner gegenüber!“ andere eher „ach da, bei Media Markt!“
Wie das so ist, wenn man sich irgendwo vorstellen geht, die verschiedenenen möglichen Szenarien spulen sich schon vorher im Kopf ab. Was mache ich, wenn das wirklich völlig abgehobene esoterische Fuzzis sind, die auf keinen Fall negative Schwingungen in ihren Räumen vertragen können, die nur linksgedrehten Joghurt vor Vollmond verzehren und über alles zuerst einen Bergkristall im Uhrzeigersinn kreisen lassen? Abwarten und erstmal einen Jasmintee trinken.
Als ich ankomme, betrete ich eine Baustelle. Kino? Hier? Vor dem Haus steht ein Gerüst, an dem tibetische Gebetsfähnchen flattern, in der Tür zwei Handwerker, die auf irgendjemanden zu warten scheinen.
Ich gehe auf den ersten zu: „Hallo, sind Sie Kraft Wetzel?“ Nein, ist er nicht, es ist Hartmut, wie ich später erfahren werde. Aber es hätte ja sein können. Woher weiss ich denn, ob Kraft Wetzel nicht selber in seinem Projekt mit Hand anlegt? In den Projekten, wo ich schon mitgemacht habe, war das völlig normal, das jeder potentiell alles macht. Die beiden, Hartmut und Matthias, empfehlen mir einfach mal eine Etage höher im Haus nachzufragen und während ich immer noch den Eingang suche, kommt mir ein Mann nachgerannt, der sich dann bei mir als der gesuchte Kraft Wetzel vorstellt.
Wir nehmen in der Wohnung oben Platz, die auch Arbeitszimmer ist, ich bekomme ein Glas Wasser, kurz darauf wird mir Usch Schmitz vorgestellt, die Partnerin von Kraft Wetzel und ich beginne mich etwas zu entspannen. Was zuerst noch etwas förmlich anfing, entwickelt sich schnell zu einem krampflosen Gespräch, bei dem man gegenseitig versucht herauszufinden, mit wem man es als Gegenüber denn da jetzt eigentlich zu tun hat.
Wir sind uns ziemlich schnell einig: Kraft Wetzel ist gar kein verflippter Esoteriker, sondern sieht sich selbst eher als Betreiber eines kleinen Unternehmens, das er gerne erfolgreich machen möchte; Usch Schmitz ist seine bodenständige Partnerin, deren herzlich sympathische Ausstrahlung mich vom ersten Moment an begeistert und ich selbst scheine die meisten der Dinge mitzubringen, nach denen die beiden gerade auf der Suche sind. Kurz, wir sind uns ziemlich schnell einig, gehen zum Du über und ich schmeiße am Ende meine Mutter der Porzellankiste über Bord, noch einmal einen Tag darüber nachzudenken, bevor ich zusage.
Inzwischen arbeite ich seit einem Vierteljahr im „Kino & Café am Ufer“ und hatte interessanterweise dabei noch keinen Tag Langeweile. Es gibt reichlich zu tun, obwohl wir mittlerweile mehr als 5 MitarbeiterInnen in „Maßnahmen“ sind und das Schöne daran ist, ich kann immer noch ständig etwas Neues ausprobieren, Ideen einbringen oder Kenntnisse von mir verfeinern. Mein größtes Interesse galt zuerst natürlich dem Kino selbst.
Ich sah einen Projektor vor meinem inneren Auge: ich würde Filme vorführen. Kleiner Irrtum meinerseits, es gibt einen DVD-Player und einen dazugehörigen Beamer. Das erwartete Kino ist eine ehemalige Eckkneipe, in deren Sitzungssaal inzwischen der Kinoraum (beim Wort Saal stellt man sich dann doch Größeres vor) ist. Wenn nicht gerade weiter gebaut wird, was immer Montags der Fall ist, gibt es einen Vorraum (das Foyer bzw. die Lobby) mit Cafébetrieb, den angrenzenden Kinosaal, zwei gepflegte Toilettenräume und hintendran eine Küche, wo vermutlich früher die Buletten gebrutzelt worden sind.
Es gibt auch keine großen Rollen mit Zelluloid in Filmdosen, sondern ganz normale DVDs. Das Ganze ist immer noch unfertig, etliches wird mal eben schnell improvisiert, aber genau das hat Charme. Der Idealismus steckt in jeder Lampe und jeder Tasse, die wir mal eben aus der Wohnung von Usch Schmitz rausholen mussten, weil das Vorgängermodell grade kaputtgegangen ist; im regelmäßig neuverlegten Teppich, der für die wöchentliche Renovierung jedesmal neu zur Seite geschoben werden muss; wir arbeiten abends, am Wochenende oder am Feiertag, aber shit, das macht alles soviel Spaß, wie mir schon lange nichts mehr Spaß gemacht hat, wenn ich dafür sogar noch bezahlt werde.
Klar, es erfüllen sich auch diverse Klischees, sonst wäre es ja langweilig. Und manche Klischees gefallen mir mittlerweile. Ich habe ja schon diverse Stunden in der Gastronomie gejobbt und muss sagen, ich habe dabei selten so viele ausgesprochen freundliche Menschen vor einer Theke erlebt, wie im Kino am Ufer. Und ich meine nicht diese aufgesetzte Art der Freundlichkeit, wie sie einen manchmal fast bedrohlich anspringt, weil irgendjemand gerade kurz vorher ein „Service im Diensleistungssektor -Seminar“ besuchen musste.
Neulich hat mir eine Frau, die wohl tatsächlich so etwas wie „Esoteriksüchtig“ zu sein scheint, von ihrer Odyssee berichtet, auf der sie sich momentan befindet. Süchtig auf der Suche nach Sinn. Nach Therapien, Workshops, Belehrungen und vermeintlich erleuchteten Meistern. Auf ihren eindringlichen Satz: „Aber man muss doch an irgendetwas glauben!“ konnte ich nur mit „Warum?“ antworten.
Der Satz „Religion ist Opium für das Volk“ bekommt da plötzlich eine ganz eigene Bedeutung. Anderserseits, nach welchem Quatsch sind Otto Normal und Lieschen Mustermann nicht alles längst süchtig, ohne dass sie es überhaupt noch merken oder dramatisch finden würden, weil Glotze und BamS es ihnen als übliche Normalität vorkauen.
Vorläufiges Fazit meinerseits:
Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet einem nach wie vor kein schlaues Buch, kein noch so erbaulicher Film und auch kein erleuchteter Guru aus dem Himalaya. Aber wenn ich mich schon entscheiden muss, dann gefällt mir persönlich immer noch die folgende Zusammenfassung von Monthy Python besonders gut, die in meinen Augen sowieso ausgesprochen spirituell sind:
„Seien Sie nett zu Anderen, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie gute Bücher, gehen Sie spazieren und versuchen Sie, mit allen Menschen in Frieden zu leben.“
In diesem Sinne, kommt uns halt einfach mal besuchen. Wenn ihr eine spirituelle Ader haben solltet, umso besser, ansonsten gibt es ganz normales Bier in Flaschen, frisch gebrühten Tee oder Kaffee, und das alles zu diesseitigen Preisen. Ich hätte jetzt auch schreiben können zu „humanen Preise“, aber das schmeckt in Berlin immer gleich so nach Second - Hand. (Sascha Noller)
Der Kinomann
An einem der wenigen sonnigen Tage im September 2007 sitze ich mit Sascha vor dem Kino am Ufer. Kurz entschlossen hat er einen Tisch und zwei Stühle auf den Bürgersteig gestellt. Hinter uns legen Maler letzte Hand an die Fassade. Nicht nur das Leben ist eine Baustelle. Auch in den Räumen der ehemaligen Gaststätte ist noch einiges zu tun, aber das hat die Betreiber des „Café und Kino am Ufer“ Kraft Wetzel und Usch Schmitz nicht davon abgehalten, ihr Projekt in die Tat umzusetzen. Unterstützt werden sie dabei mittlerweile von fünf ABM und MAE Kräften, die inzwischen ihren deutlich spürbaren Anteil in das Projekt einbringen und seine Bekanntheit weiter ausdehnen.
Einer von ihnen ist Sascha, ein Suchender, dem es egal ist, dass seine bisherige Biografie nicht in das stromlinienförmige Muster der meisten Personalchefs passt. „Arbeit muss einen Sinn haben,“ sagt er. „Einen Job, in dem ich die meiste Zeit damit beschäftigt bin, anwesend zu sein, kann ich mir nicht vorstellen.“
Ein abgebrochenes Psychologiestudium gehört genauso zu seinem Leben, wie der vergebliche, weil nicht zu finanzierende Versuch, Logopäde zu werden. Bis Ende vorletzten Jahres hat er im Rahmen einer RBM-Maßnahme bei ZIK (zu Hause im Kiez) in Kreuzberg und der Berliner Aids – Hilfe gearbeitet, wo er inzwischen ehrenamtlich tätig ist. Nach dem Ende der Maßnahme ging es für ihn wieder in die Arbeitslosigkeit. „Aber diesmal war es nicht so schlimm,“ sagt er. „Diesmal habe ich mir meine sozialen Kontakte erhalten. Wichtig ist doch, dass man rauskommt. Dass man in Bewegung bleibt, sich nicht in sein Schneckenhaus zurück zieht. Je länger das dauert, um so schwieriger wird es, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Gerade hier im Wedding. Obwohl hier doch viele arbeitslos sind. Aber die Atmosphäre ist für mich eine andere, als beispielsweise in Kreuzberg. Aggressiver. Und wenn man gerade keinen festen Job hat, fehlt vielen oft ein Grund, jeden Tag rauszugehen. Man kapselt sich dann schnell ab oder fühlt sich isoliert.“
Über das danach macht er sich keine Illusionen. Er rechnet nicht damit, dass aus seiner jetzigen ABM-Stelle vielleicht ein richtiger Job werden könnte. „Aber ich habe jetzt die Möglichkeit vieles auszuprobieren. Sachen, mit denen ich mich vorher nicht intensiv beschäftigt habe, weil es keine konkreten Aufhänger dafür gab. Eine intensivere Beschäftigung mit HTML beispielsweise oder auch Öffentlichkeitsarbeit im größeren Stil. Hier gehört es mit zu meinem Job, also ich bekomme sogar Geld dafür. Ich kann dabei meine Kenntnisse ausbauen bzw. gleich direkt umsetzen und ich bin mir sicher, dass sich im Laufe des Jahres herauskristallisieren wird, wie es in meinem Leben weitergehen wird. Ich habe gerade das Gefühl für mich selbst, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das ist nicht das erste Mal in meinem Leben so, aber es ist immer sehr schön, wenn sich dieses Gefühl einstellt.“
Sascha hätte seine ABM auch in einem Internetcafé machen können. „Aber da saßen schon zwei ältere Herrschaften, die nicht so recht wussten, wofür sie noch jemand Drittes hätten gebrauchen können. Dazu hatte ich keine Lust.”
Und dann bin ich auf dieses Projekt gestoßen, von dem ich bis dahin noch nichts gehört hatte, obwohl ich hier gleich um die Ecke wohne. Jetzt bin ich sogar froh, dass es mit der Ausbildung zum Logopäden nicht geklappt hat.“
‘Wir zeigen Filme für Herz, Geist und Seele’ – heißt es programmatisch im Untertitel auf der Website. Das Kino, die erste Neugründung eines Kinos im Wedding seit einem halben Jahrhundert, zeigt vor allem spirituelle Filme; Geschichten von Menschen, die nach anderen, auch unkonventionellen Wegen suchen. „Jenseits von Tibet“ oder „Das Wissen vom Heilen“ stehen im Oktober auf dem Programm. Anfang und Ende Oktober läuft „The Foutain (Der Jungbrunnen)“ von Darren Aronofsky.
Auf meine Frage, wie es ihm mit einem spirituellen Kino so gehe, lacht Sascha.
„Naja, am Anfang war ich ziemlich skeptisch. Mit Leuten, die einen schief ansehen, weil man möglicherweise mit seinen negativen Schwingungen den Kronleuchter zum Absturz bringt, habe ich eigentlich nichts am Hut. Aber das Thema Spiritualität interessiert mich schon. Ich wollte ja auch mal Religionswissenschaften studieren. Aber trotz aller Geistigkeit habe ich das Gefühl, an einem geerdeten Projekt mitzuarbeiten. Die Leute sind freundlich und zu Selbstironie fähig. Am Abend gehe ich meist mit guter Laune nach Hause. Kraft und Usch können über sich selbst lachen. Eine leider eher seltene Tugend. Außerdem passt es menschlich zwischen uns. Auch im engeren Umfeld der Nachbarschaft gibt es keine Ablehnung. Ich hätte nicht gedacht, dass sich im Wedding so viele Menschen für spirituelle Fragen interessieren. Zwar kommen die Leute manchmal sogar aus Hamburg, um sich hier einen bestimmten Film anzusehen, aber auch ganz „normale“ Weddinger trifft man hier. Bei unserem „Festival des spirituellen Films“ vor ein paar Wochen, waren fast alle Vorstellungen ausverkauft. Und warum auch nicht. Hier ist niemand dogmatisch, im Gegenteil. In Zukunft wollen wir versuchen auch ein spezielles Angebot für den Kiez zu machen. Okay, ‘Spiderman’ oder Ähnliches wird man bei uns auch in Zukunft nicht finden. Aber warum sollte man für die Senioren aus der Umgebung am Nachmittag nicht uralte Ufa - Schinken zeigen, oder Märchenfilme für Kinder?“
Als ich mich verabschiede, haben auch die Maler ihre Arbeit fast beendet. Das Gerüst wird zwar sicher noch ein paar Tage hier stehen, aber ein Ende ist abzusehen. Innen wird es wohl noch eine Weile dauern, bis alles so ist, wie man sich das vorstellt. Und beim Gehen ertappe ich mich bei dem Wunsch, dass es nie so weit kommen möge, denn nur Unfertiges kann sich weiter entwickeln. (upr)





